Die 24-Stunden Polin. Migrantische Care-Arbeiter*innen in Deutschland

Am 22. Juni fand im Lokal der FAU Hannover im Rahmen des Festivals „Contre le Racisme“ der Vortrag einer Genossin der FAU Münsterland statt. Anhand biographisch-narrativer Interviews wurde die Lebens- und Arbeitssituation der meistens aus Osteuropa stammenden Care-Arbeiter*innen dargestellt.

Der demografische Wandel und unzureichende staatliche Leistungen sind u.a. Hauptursachen des so genannten „Pflegenotstands“. Dies resultiert in steigender Nachfrage an Arbeitskräften im Care-Bereich. Diese „Unattraktivität“ der Fürsorgearbeit liegt einerseits an der unangemessenen Entlohnung, andererseits an dem niedrigen Status der Pflegeberufe, die meistens als „Frauendomäne“ angesehen werden, was zu ihrer mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung beiträgt. Im Endeffekt wird Care-Arbeit auf migrantische Care-Arbeiter*innen delegiert.

Schätzungsweise gibt es 150.000 bis 500.000 „Care-Migrantinnen“ in Deutschland, die in Deutschland „3C-Jobs“ ausüben („cleaning, cooking, caring“). Oft sind die aus Osteuropa stammenden Frauen in Deutschland irregulär beschäftigt, um vor allem ältere pflegebedürftige Menschen zu betreuen. Sie wohnen meistens in den Haushalten mit den Klient*innen, als 24 Stunden- „Live-in“-Arbeitskraft. Es ist kein neues Phänomen, da die grenzüberschreitende Pflegeversorgung in Deutschland seit zwei Jahrzehnten zu beobachten ist. Somit werden die migrantischen Care-Arbeiter*innen als „neue“ Dienstmädchen bezeichnet.

„Die 24-Stunden Polin“

Einen besonders guten Ruf in Deutschland scheinen polnische Pflegekräfte zu haben und dies spiegelt sich in Titeln der Zeitungsartikeln wie „die 24-Stunden Polin“ oder in Alltagsfloskeln wie „die polnische Perle“ wieder. Somit werden die Migrant*innen aus Polen mit der unterbezahlten und unterqualifizierten „Frauentätigkeiten“ konnotiert. Ihre dadurch unterprivilegierte Position als „billige Hilfskräfte“ gestalten ihre Lebens- und Arbeitslage prekär.

Die im Haushalt ihrer Kund*innen lebenden und illegal arbeitenden Migrant*innen sind Rund-um-die-Uhr mit der Haushalts- und Pflegetätigkeiten beschäftigt (sog. „Live-in-Arrangements“). Die permanente Orientierung an den Bedürfnissen der Klient*innen bedeutet wochen- und monatelang, 24 Stunden die Woche ununterbrochene Arbeit, die an einen Ort – das Haus oder die Wohnung der Klient*innen – gebunden ist.

Die räumliche und zeitliche Einschränkung bedeutet mangelnde soziale Kommunikation und zusammen mit der fehlenden Privatsphäre und Distanz in der Pflegebeziehung tragen zur sozialen Isolation bei. Die monotone Alltagsroutine der sich einerseits immer wiederholenden Haushalts- und Pflegetätigkeiten, die meist zu bestimmten Uhrzeiten erledigt werden müssen, und andererseits die Konzentration auf die Bedürfnisse der Klient*innen vertiefen das Gefühl der Einsamkeit.

(Fehlende) Regelungen des Arbeitsverhältnisses

Somit wird die von migrantischen Care-Arbeiter*innen geleistete Pflegearbeit nicht nur körperlich, aber auch psychisch anstrengend und kann in manchen Fällen zum Burn-Out-Syndrom führen. Ihr einfühlsamer und empathischer Umgang mit den Klient*innen, also die emotionale Einbindung in der Pflegebeziehung macht nicht nur den Kern ihrer Arbeit aus, sondern kann zur (Selbst-)Ausbeutung und Abhängigkeit in der ausgeübten Tätigkeit führen.

Dies geschieht vor allem wenn grundlegende Arbeitsrechte wie die Regelung der Arbeitszeiten und -aufgaben, Unfallsversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz usw. fehlen. Mit mündlicher Absprache und einer pauschalen Bezahlung bleiben weitere Seiten des Arbeitsverhältnisses im Grunde ungeregelt. Aus Angst vor dem Verlust ihrer Stelle haben die irregulären Pflegekräfte entweder keine oder begrenzte Möglichkeiten um bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln (oder ihre Rechte einzufordern).

Trotz ihrer unprivilegierten Lage haben die irregulären Pflegekräfte Handlungsmöglichkeiten dem entgegenzuwirken. Wichtige Rolle dabei spielen die Netzwerke, die der Selbstorganisation der Pflege dienen, so dass die Pfleger*innen aus dem Netzwerk sich alle paar Wochen oder Monaten bei der Pflege der Kund*in abwechseln können. Durch informelle Kontakte innerhalb des Netzwerks wird nicht nur die Arbeit organisiert und vermittelt, sondern z.B. auch  Informationen über Vermittlungsagenturen, die den Pflegekräften schlechte Arbeitsbedingungen anbieten. Da das Netzwerk auf das Kollegialität und Zuverlässigkeit basiert, kann es nach Bedarf bzw. in Krisensituationen schnell aktiviert werden (z.B. im Fall des ausstehenden Lohns).

Während des Vortrags wurden Beispiele von geführten Arbeitskämpfen und Strategien, die die Arbeiter*innen entwickelt haben, dargestellt. Der Vortrag wurde mithilfe von Fotos illustriert, die Pflegekräfte selbst im Alltag gemacht haben (so dass in manchen Fällen sogar eine „Fotostory“ entstand). Anschliessend wurde u.a. darüber diskutiert welche Möglichkeiten bestehen, um  migrantische Care-Arbeiter*innen in Deutschland zu unterstützen. Dies wäre eine zukünftige Aufgabe für die FAU, als Basisgewerkschaft mit einem gesamtgesellschaftlichen Anspruch.