Foodora? Pfui deibel!

Die internationale Lieferdienst-Kampagne #deliverunion: FahrerInnen organisieren sich

The international delivery service campaign #deliverunion: organising riders [english version below]

Die hippen Start-Ups Foodora und Deliveroo sind zurzeit in aller Munde. Ausstaffiert mit riesigem Startkapital liefern sie sich einen Kampf um die Vorherrschaft auf dem europäischen Markt. Wer gewinnt, der bleibt, und wird in Zukunft wohl die Bedingungen diktieren, zu denen KundInnen sich per Klick Gerichte aus Restaurants nach Hause bestellen können. Doch auch wenn die beiden Lieferdienste angeblich noch kaum Gewinne abwerfen, eines ist doch klar: Ihr Konkurrenzkampf wird auf dem Rücken der KurierfahrerInnen ausgetragen. Auch in Hannover strampelt sich die pinke Foodora-Flotte seit gut einem Jahr ab. Bislang noch ohne Konkurrenz durch das Londoner Unternehmen, das in letzter Zeit auf sich aufmerksam machte, weil es seine FahrerInnen scheinselbstständig beschäftigte, um Sozialabgaben zu sparen. Bei Foodora sind die KurierInnen zwar fest angestellt, aber auch hier berichten FahrerInnen über unzumutbare Arbeitsbedingungen.

Flexibel ausgeliefert

So hört man immer wieder Klagen, es gebe kaum genug Schichten für die einzelnen FahrerInnen, um mit dem Gehalt monatlich über die Runden zu kommen. Wöchentlich müssen sich die FahrerInnen um Schichten bewerben. Doch die Kriterien, nach denen Schichten vergeben werden, bleiben meist undurchsichtig. Eine schlechte Planbarkeit der Arbeitszeit und die Unsicherheit, wie viel Lohn am Ende eines Monats auf dem Konto landet, sind die Folge. Zudem gibt es keinerlei Zulagen bei schlechtem Wetter, Kälte oder der Arbeit am Wochenende und an Feiertagen. Solche Zuschläge sind in vergleichbaren Branchen durchaus üblich. Mit dem Versprechen eines flexiblen Jobs, den die FahrerInnen ganz nach ihren Bedürfnissen gestalten können, wirbt Foodora vor allem unter jungen Leuten. Am Ende bleibt die Flexibilität jedoch eine Wunschvorstellung und äußert sich höchstens bei den schwankenden Gehaltszahlungen auf dem Konto. Denn eine große Zahl an Beschäftigten und eine Auftragslage, die alles andere als üppig ist, führen dazu, dass jede zugeteilte Schicht auch gefahren werden muss, um überhaupt über die Runden zu kommen. Anstatt solidarisch untereinander zu sein, treten die FahrerInnen so in Konkurrenz zueinander.

Geld ausgeben, um zu arbeiten

Hinzu kommt, dass die FahrerInnen ihr „Arbeitsgerät“ auch noch selbst zur Verfügung stellen müssen. Sie sind auf ihren eigenen Rädern unterwegs und empfangen die Aufträge auf ihren eigenen Smartphones – das hierfür notwendige Datenvolumen bezahlen sie aus eigener Tasche. Für Abnutzungen oder Verschleißerscheinungen am Fahrrad kommt Foodora nicht auf. Ist das Rad kaputt, kann man nicht arbeiten. Es soll schon vorgekommen sein, dass FahrerInnen während der Schicht das Rad geklaut wurde. In Großstädten ist dies keine Seltenheit, aber ob das Unternehmen die Schicht dann vollständig bezahlt eine andere Frage. Zudem tragen die FahrerInnen im Straßenverkehr ein hohes Risiko und werden von der Berliner Firmenzentrale permanent überwacht. Denn die App ermöglicht es dem Unternehmen, zu kontrollieren, welche Strecken die KurierInnen fahren, wie hoch ihre Durchschnittsgeschwindigkeit ist und wo sie sich gerade aufhalten. Auf diese Weise soll sicher gestellt werden, dass die FahrerInnen selbst ohne Auftrag permanent radeln, um Werbung für Foodora zu machen. Und das alles gibt es für gerade mal 16 Cent mehr als den Mindestlohn. Das Start-Up wirbt auf seiner Homepage zwar damit, dass FahrerInnen bis zu zwölf Euro die Stunde verdienen könnten. Aber die versprochenen Boni sind in der Realität oft nicht zu erradeln und das Trinkgeld der KundInnen fällt weit weniger üppig aus als im Restaurant.

Prekäre Verkettung

Die Flexibilität, die der digitale Kapitalismus verspricht, nützt also vor allem dem Unternehmen. Für die ArbeiterInnen ist die Unsicherheit kaum tragbar, auch wenn es immer wieder heißt, es handele sich doch bloß um einen vergleichsweise angenehmen Nebenjob für StudentInnen, bei dem man auch noch fit bleibe. Denn einerseits müssen auch Studierende die teuren Mieten in den Großstädten und ihre Fahrradreparaturen bezahlen können. Andererseits kommen viele FahrerInnen zum Beispiel aus den europäischen Krisenländern und der Job beim Lieferdienst ist ihre einzige Einkommensquelle. Sowohl junge Menschen als auch MigrantInnen zählen zur Gruppe der Beschäftigten, die ihre Arbeitsrechte kaum kennen. Und in der relativ jungen Branche der digitalen Dienstleistungen wurden bislang nur wenige Rechte durchgesetzt. So sind gewerkschaftliche Organisierung, Betriebsratsstrukturen oder Tarifverträge meist unbekannt. Das trifft allerdings nicht nur auf die Lieferdienste zu. Auch in den Restaurants, die an der Wertschöpfungskette beteiligt sind, werden arbeitsrechtliche Mindeststandards oft nicht eingehalten und der Mindestlohn nur allzu oft umgangen. So bereitet ein überlasteter Koch, der Pausenregelungen nur vom Hörensagen kennt, das Essen zu, das die gestresste und unterbezahlte Kellnerin dem Kurierfahrer in die Hand drückt, damit er es durch den Regen ins Haus einer Kundin fährt, die für diesen Service 3,50 Euro an Foodora zahlt.

Organize!

Doch FahrerInnen beginnen sich allmählich zu vernetzen und gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen vorzugehen. In London organisierten Deliveroo-FahrerInnen einen wilden Streik und wehrten sich erfolgreich gegen die Umstellung der Bezahlung auf reinen Stücklohn. Ihr Erfolg wurde zum Vorbild für den selbstorganisierten Widerstand von Foodora-FahrerInnen in Norditalien. In Mailand und Turin konnten sie mithilfe eines Streiks höhere Löhne durchsetzen. Auch in Deutschland beginnen FahrerInnen, sich zu vernetzen und basisgewerkschaftlich zu organisieren. So konnte die FAU Berlin erst im Februar die Interessen eines Kurierdienstfahrers vor Gericht durchsetzen. Dieser Fall zeigt, dass es mit der richtigen Gewerkschaft im Rücken durchaus möglich ist, sich gegen die Zustände in der Kurier- und Lieferdienstbranche zu wehren. Auf der Bilbao-Konferenz von Basisgewerkschaften zur Neukoordination der internationalen Zusammenarbeit im November 2016 wurde die Lieferdienst-Kampagne #deliverunion ins Leben gerufen, um all diese Kämpfe zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen. An der Kampagne nehmen auch die Deliveroo-FahrerInnen teil, die sich in Bristol in der Basisgewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) organisiert haben und bereits Verbesserungen auf der Arbeit erreicht haben. Ihre Erfahrungen verbreiten sie in einem Video, das inzwischen vielen FahrerInnen bekannt sein dürfte.

Hier finde ich gewerkschaftliche Unterstützung

Auch die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) ist Teil dieser Kampagne. Unter kontakt-asyh[at]fau.org oder der Telefonnummer 0151 26 04 92 85 erreichst du das Allgemeine Syndikat der FAU Hannover, in dem sich Lieferdienst- und KurierfahrerInnen organisieren können. Eine andere Möglichkeit ist es, bei der kostenlosen gewerkschaftlichen Beratung der FAU Hannover vorbeizuschauen. Über Hannover hinaus besteht die Möglichkeit, sich an die Adresse lieferdienst[at]fau.org zu wenden, die die FAU bundesweit für FahrerInnen eingerichtet hat. Auch die Wobblies (IWW) im deutschsprachigen Raum können dich unterstützen.


English version:

The hip Start-Ups of the moment Foodora and Deliveroo are on everyone’s lips. Equipped with an enormous starting capital, they have opened up a battle for the domination of the European market. The winner will remain, and it looks like in the future will probably dictate the conditions by which customers can order meals from restaurants just by clicking from home. But even if the two delivery services are supposed to make few profits, one thing is clear: this competition is carried out on the back of the courier drivers. The pink Foodora fleet is also kicking off in Hannover for over a year. So far without competition from the London company, which recently attracted attention, because they employed its drivers seemingly to save social security contributions. At Foodora, the couriers are employed on a more permanently basis, but drivers report on unreasonable working conditions.

Flexible Deliveries

So you hear complaints again and again, there is hardly enough shifts for the drivers, in order to come with a decent salary every month. The drivers have to apply for their shifts weekly. But the criteria by which the shifts are awarded remain mostly not clear. The consequence is a poor planning of working time and the uncertainty about the payment amount on the account at the end of a month. In addition, there are no supplements in bad weather, cold or working on weekends and holidays. Such awards are quite common in comparable industries. With the promise of a flexible job, which can be designed by drivers according to their needs, Foodora promotes young people in particular. In the end, however, the flexibility remains only as a wish or as an idea, and this idea reflects itself in the irregular salary payments. Due to a large number of employees and the orders amount, which is anything but “a lot of them”, this situation leads to the fact that every assigned shift has to be driven in order to make it through the month. Instead of practicing solidarity among themselves, the drivers have no other option than compete against each other in order to get more shifts. Despite of this “shift crisis”, Foodora keeps employing new workers with an insatiable hunger. The reason? Could be anything but something fair to their workers.

Spending your own money to work

In addition, the drivers have to make their „work equipment“ available to themselves. They are on their own wheels and receive the orders on their own mobile phones – the necessary data volume they pay from their own pocket. Foodora does not take care of the state or maintenance of the bicycle. If the wheel is broken, you cannot work. It should have happened that bicycles were stolen during the shift. In large cities, this is not a strange thing, but if the shift is then completely paid by the company is another question. In addition, drivers are at high risk on the road and are constantly monitored by the headquarters in Berlin. The app permits the company to control what routes the couriers are driving, how high their average speed is and where they are. In this way it is to be ensured that the riders themselves cycle permanently without order to make advertising for Foodora. And all this is for just 16 cents more than the minimum salary. Although there is also a “tip variable” used by Foodora in order to attract new potential workers, as they offer a salary “up to 12 euros per hour”, offer that is pure fantasy as drivers, in a lot of cases, rarely get a tip by the customers.

Precarious chains

The flexibility that digital capitalism promises is therefore particularly beneficial to the company. For the workers the uncertainty is hardly acceptable, even if it is always said that it is only a comparatively pleasant secondary job for students. On the one hand, students also have to pay for the expensive rents in the big cities and their bicycle repairs. On the other hand, many drivers come from, for example, the European crisis countries and the job in the delivery service is their only source of income. Both young people and migrants are part of the group of workers who are hardly aware of their labor rights. And in the relatively new branch of digital services hardly any rights have yet been enforced. Trade union organization, works councils or collective agreements are usually unknown. This concerns, however, not only to the delivery services. In the restaurants involved in this “added value chain”, labor standards are often not respected and the minimum salary is circumvented too often. Thus, an overworked cook, who knows the break rules only from hearsay, prepares the food, which the stressed and underpaid waitress gives to the courier driver, so he drives it through the rain into the house of a customer, whom for this service pays 3.50 Euro to Foodora.

Organize!

However, drivers are starting to network against the unreasonable working conditions. In London, Deliveroo riders organized a wildcat strike and successfully defended themselves against the conversion of payment to pure piecework wage. Their success became the model for the self-organized resistance of Foodora drivers in Northern Italy. In Milan and Turin, they were able to push higher salaries through a strike. In Germany, drivers are also starting to network and organize their trade union activities. In February, the FAU Berlin was able to put the interests of a courier service driver to justice. This case shows that, with the right union in the back, it is quite possible to resist the conditions in the courier and delivery service industry. At the Bilbao conference of grass-roots trade unions for the re-coordination of international cooperation in November 2016, the delivery service campaign #deliverunion was launched to network all these battles and share experiences. The Deliveroo riders, who have organized themselves in Bristol at the base of Industrial Workers of the World (IWW) and have already achieved improvements at work, are also taking part in the campaign. They share their experiences in a video that is now known to many drivers.

Here I find trade union support

The Free Workers‘ Union (FAU) is also part of this campaign. Under kontakt-asyh[at]fau.org or telephone number 0151 26 04 92 85 you can reach the general syndicate of FAU Hannover, where delivery service and courier drivers can organize themselves. Another possibility is to drop in at the labor rights clinic that the FAU Hannover offers. In addition to Hannover, it is also possible to write to the address lieferdienst@fau.org, which the FAU has set up in all the country for drivers. Also the Wobblies (IWW) in the German-speaking area can support you.

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